PALLAVI PAUL
Eröffnung am Donnerstag, 29.10.2026 ab 18 Uhr
29.10.2026 – 29.12.2026
In THE NEAR SIDE betrachtet Pallavi Paul den Tod nicht als die andere Seite des Lebens – als einen fernen Ort, zu dem sich alles letztendlich bewegt –, sondern als etwas, das bereits in ihm vorhanden ist. Durch die Verbindung von Fotografie und bewegten Bildern widmet sich die Ausstellung den intimen Zusammenhängen zwischen Leben und Sterben, Präsenz und Absenz sowie den Beziehungsformen, die über deren ungewisse Grenzen hinweg fortbestehen.
In WAKE, einer neuen Fotoserie, die hier erstmals gezeigt wird, erscheinen präperarierte Vögel in Gesten des Fluges, der Wachsamkeit und der Ruhe, als würden sie in der Luft schweben. Ihre Körper befinden sich in einem unbestimmten Zwischenraum zwischen Belebtheit und Stille. Sie scheinen auf etwas außerhalb des Bildausschnitts zu lauschen, gefangen in einer Zeit, die weder ganz vergangen noch absolut stillstehend ist. Paul fotografiert sie in der Dunkelheit und legt dabei besonderen Wert auf den eigentümlichen Schimmer ihrer Körper, die Textur der Federn und den Lichtfall auf einem Flügel. Die Bilder erinnern an die Dichte gemalter Stillleben, in denen sich das Licht um Dinge sammelt, die zugleich vertraut und unergründlich sind.
Die Vögel kehren nicht ins Leben zurück, doch werden sie auch nicht aus ihm entfernt. Ihre Körper bringen uns den Zuständen des Sterbens nahe, den materiellen Kontinuitäten zwischen Leben und dessen Ende sowie den Weisen, auf die die Toten mit den Lebenden verwoben bleiben. Ihre Präsenz stellt zudem die vertraute Verbindung zwischen Trauer und Melancholie in Frage, in Anklang an Walter Benjamins Thesen zu Allegorie, Vergänglichkeit und dem fragmentarischen Nachleben der Dinge. Doch anstatt die Vögel als Embleme des Verlusts zu betrachten, verbleibt die Begegnung von Bild und Imagination bei Paul in einer Unbestimmtheit, in der die Toten fortbestehen können, während ein Trost über das Sterben mit der Erkenntnis unwiderruflichen Verlusts verbunden bleibt.
THE NEAR SIDE setzt sich mit der Frage auseinander, was es bedeuten könnte, dem Tod im Leben selbst zu begegnen, anstatt ihn sich als sein fernes Gegenteil vorzustellen. Die „nahe Seite“ ist kein Blickwinkel, von dem aus der Tod vollständig erfasst werden kann, sondern eine Position der Nähe, von der aus seine Präsenz im Leben anderer Wesen, in der Verletzlichkeit der Körper und in den Handlungen spürbar wird, mit denen wir sie begleiten, ihrer gedenken und für sie sorgen.
Hier ist Trauer weder ein Schritt hin zur Bewältigung noch ein Versuch, das Verlorene zurückzugewinnen. Sie ist eine Art, mit dem in Verbindung zu bleiben, was nicht mehr da ist, und gleichzeitig dem Aufmerksamkeit zu schenken, was daneben weiterlebt. THE NEAR SIDE nimmt in dieser Nähe Gestalt an, in der der Tod weder anderswo ist noch erst bevorsteht, sondern bereits in die Struktur des Lebens eingebunden ist. Die Bilder halten diese Nähe aufrecht und werfen die Frage auf, wie wir die Wesen, deren Leben sich mit unserem eigenen kreuzt, betrachten, mit ihnen leben und für sie sorgen können – auch wenn sie sich unserem Zugriff entziehen.
IMPRESSIONEN